Friedrich Realschule Weinheim

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Großherzog Friedrich - Versuch eines Portraits

 

In die Wiege gelegt war es ihm nicht, dass er, Friedrich, der Zweitgeborene, als Großherzog Friedrich I.  55 Jahre lang an der Spitze des Landes Baden stehen sollte. Im September 1826 geboren, erhielt er zusammen mit seinem um drei Jahre älteren Bruder Ludwig, dem Thronfolger, zunächst die gleiche Erziehung und Bildung, die sich von einer in dieser Zeit üblichen Prinzenerziehung in vielen Punkten wohltuend unterschied. Nachdem Friedrich die standesübliche Leutnantszeit absolviert hatte, studierte er vom Sommer 1843 bis zum März 1845 an den Universitäten von Heidelberg und Bonn. Schon in diesen Jahren legten die beim Bruder feststellbaren Anzeichen einer Geisteskrankheit die Vermutung nahe, dass Friedrich anstelle des Bruders die Nachfolge in der Regentschaft anzutreten habe.

 

In dieser Zeit - der Studienzeit - erfuhren die bei Friedrich vorhandenen Persönlichkeitsmerkmale eine inhaltliche Formung und Ausprägung und in jedem Fall auch eine Weiterentwicklung.

 

Besonderen Einfluss auf die Weltanschauung des späteren Großherzogs und seine liberale Grundhaltung hatte seine geistige und persönliche Verbindung zu der an der Universität Heidelberg einflussreichen Gruppe kleindeutsch und liberal gesinnter Männer, zu der u. a. Roggenbach, Jolly und Lamey gehörten; Männer, die später zu Ministern wurden und deren Namen mit fortschrittlicher, ja richtungsweisender Gesetzgebung untrennbar verbunden sind. Nach dem Tode Großherzog Leopolds im Jahre 1852 wur­de zwar der geisteskranke Bruder zum dynastischen Nachfolger erhoben, die Regentschaft aber auf Friedrich übertragen, die er in dieser Form vier Jahre lang ausübte. Im September 1856 heiratete Friedrich Prinzessin Luise von Preußen, die Tochter des späteren  Kaisers Wilhelm I., gleichzeitig übernahm er die dynastische  Nachfolge anstelle seines Bruders und wurde zum Großherzog. Eine seiner ersten Amtshandlungen nach der Übernahme der Regent­schaft 1852 war die Aufhebung des Kriegszustandes wodurch er die Revolution von 1848/49 formal beendete. Wichtige Gesetze wurden in den Jahren der "Neuen Ära" 1860 bis 1866 erlassen, Gesetze, die als Ausdruck einer liberalen Geisteshaltung die überkommenen Strukturen des Staates in fundamentaler Weise umgestalteten. So wurden u. a. die Wirtschafts- und die Sozialordnung, die Verwaltung, das Verkehrswesen, das Schulwesen und die Justiz an die Erfordernisse der neuen Zeit angeglichen. Zur Veranschaulichung möchte ich einige Beispiele anführen: Aufhebung des Zunftzwangs und  damit verbunden  die Einführung der Gewerbefreiheit; die bürgerliche Gleichstellung der Juden; die Ablösung der geistlichen Schulaufsicht durch die Einrichtung eines staatlichen Inspektionssystems in Form des Oberschulrates, verbunden mit einer Einführung neuer Inhalte und Bildungsziele; die Justizreform, die aller liberalen Gesetzgebung als Vorbild diente; die Einrichtung eines Verwaltungsgerichtshofs, durch den das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit in Deutschland in bisher nicht gekannter Form zum Tragen kam; und nach Beendigung des Kulturkampfes - die Ablösung des konfessionellen Volksschulwesens durch Einführung der Simultanschule mit obligatorischem Religionsunterricht - ein Modell, das bei der Einführung des Schulsystems im neu gegründeten Land Baden-Württemberg die Kompromissbereitschaft der Beteiligten zu vergrößern half!

 

Auch wenn Friedrich während seiner Regentschaft tiefe Niederlagen hinnehmen musste, der liberale Kurs seine Schwankungen und Brüche aufwies und auch nicht bis an das Ende seiner Regentschaft durchgehalten werden konnte, blieb er diesem doch zeit seines Lebens verhaftet. So berief er den ersten jüdischen Minister in Deutschland: Moritz Ellstätter zum Finanzminister für die Zeit von 25 Jahren.

 

Den Beinamen "Der Deutsche" erhielt der Großherzog durch sein beherztes Eingreifen in protokollarische und rechtliche Probleme anlässlich der Proklamation seines Schwiegervaters, Kaiser Wilhelm I., zum Kaiser des neu gegründeten Deutschen Reiches im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871.Der in tief verwurzelte Anschauungen hineinreichende und die Proklamation bedrohende Titelstreit, ob Wilhelm "Kaiser der Deutschen" oder "Kaiser von Deutschland" werden sollte, beendete Friedrich durch sein Hoch auf "Kaiser Wilhelm". Zu sehr hatte er die Gründung des Deutschen Reiches herbeigesehnt und auch mit vorbereitet, als dass er diese andere Konstante seines Denkens und Handelns gefährdet sehen wollte.

 

Der Tod des Großherzogs am 28. September 1907 wurde von großen Teilen der Bevölkerung aufrichtig betrauert: Zu sehr war dieser in die Rolle des wohlwollenden Patriarchen und Landesvaters hineingewachsen. Die sich wandelnden Probleme und neuen Herausforderungen hat er in ihrer Brisanz und Mächtigkeit jedoch nicht mehr erkannt.

 

Aufsatz von Ingeborg Wiemann-Stöhr M.A.
Lehrerin an der Friedrich - Realschule 1984 - 1994